In 15 Häusern in Kleineibstadt wohnten einst jüdische Bürger
Kleineibstadt (RA) - In 15 Häusern in Kleineibstadt wohnten einst jüdische Bürger. Cordula Kappner, pensionierte Leiterin des Bibliotheks- und Informationszentrums Haßfurt, hat diese kürzlich in Zusammenarbeit mit dem Rhön-Grabfelder Kreisheimat- und Archivpfleger Reinhold Albert dokumentiert. Frau Kappner nimmt sich schon über viele Jahre hinweg intensiv der Geschichte der ehemaligen jüdischen Mitbürger in ihrem Heimatlandkreis Haßberge an. Nicht zuletzt ob ihres außergewöhnlichen Engagements erhielt sie kürzlich durch Bundespräsident Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz ver-liehen.
Auf das Grabfeld wurde Frau Kappner bei ihrer Forschungsarbeit insbesondere aufmerksam, weil es zahlreiche verwandtschaftliche Verbindungen zwischen den Juden in den Haßbergen und Rhön – Grabfeld gab. Stets hilfsbereit wird sie bei ihren Nachforschungen von Reinhold Albert unterstützt. Alfred Mauer, ehemaliger 2. Bürgermeister von Kleineibstadt, war bei der Dokumentation ein eifriger Helfer. Zudem wusste er noch so manche Begebenheit aus seinen Kindheitstagen zu berichten. So habe sich die Dorfjugend am „Schabbes“ (Sabbat) eifrig darum beworben, bei jüdischen Mitbürgern einfache Arbeiten, wie z. B. das Einschalten des Lichtes oder das Schüren des Feuers im Herd durchzuführen. Als Belohnung gab es stets „Mazzenbrot“, das unnachahmlich gut schmecke. Als Mazzen werden flache, ungesäuerte Brotfladen der jüdischen Küche bezeichnet, die aus Wasser und einer der fünf Getreidesorten gebacken werden.
Der Sabbat ist nach dem Schöpfungsbericht der fünf Bücher Moses, der siebte Wochentag, der Tag des Herrn, der Gott gewidmet ist. Er erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche und an den Auszug der Hebräaer aus der ägyptischen Gefangenschaft. Er beginnt am Freitagabend mit dem Sonnenuntergang und endet am Samstagabend, wenn drei Sterne am Himmel zu sehen sind. Nach dem Gesetz Gottes darf an diesem Tag nicht gearbeitet werden.
In seinem 1990 erschienenen Buch über die Geschichte der Juden im Grabfeld hat Reinhold Albert bereits ausführlich die Geschichte der jüdischen Gemeinde Kleineibstadt dargestellt. Die Juden kamen mit den Freiherren von Münster in den Ort. Die von Münster besaßen in Kleineibstadt ein 1900 durch Blitzschlag zerstörtes Schloss. Als sog. Schutzjuden hatten sie für die Erlaubnis zur Niederlassung und für den Schutz dem Schutzherren ein Schutzgeld und sonstige Abgaben zu entrichten. Bereits 1753 gab es in Kleineibstadt 13 jüdische Haushalte. 1810 lebten im Dorf 75 jüdische Bürger, 1890 105. 1875 wurde in der Gemeinde gar eine jüdische Elementarschule gegründet. Ab 1900 nahm die Zahl der Juden in Kleineibstadt rapide ab.
Im Jahre 1933 lebten nur noch sieben jüdische Bürger in Kleineibstadt. Im August 1941 waren die letzten sechs Juden aus Königshofen nach Kleineibstadt ausgewiesen worden, um Wohnraum für Königshöfer NSDAP-Funktionäre zu schaffen. Es waren dies das Ehepaar Julius Zeilberger und seine Frau Johanna, geb. Reinhold und Familie Julius, Selma, Ludwig und Johanna Hofmann, die alle am 25. April 1942 aus Würzburg in das Durchgangsghetto Izbica bei Lublin deportiert und in den Gaskammern des Vernichtungslagers Sobibor ermordet wurden. Die drei Schwestern Ida, Lina und Sofie Reinhold aus Kleineibstadt, die zuletzt im jüdischen Altersheim in Schweinfurt leben mussten, wurden am, 10. September 1942 aus Würzburg in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo zwei von ihnen an erbärmlichen Lebensumständen starben. Die dritte Schwester wurde nach Minsk weiter deportiert und ermordet. Als einzige Jüdin im Grabfeld überlebte neben einem jüdischen Zwangsarbeiter aus Polen, der in Königshofen verborgen wurde, übrigens die Kleineibstädterin Jenny Stumpf, geborene Reinhold, die nationalsozialistische Herrschaft, da sie mit einem Katholiken verheiratet war, der sich standhaft weigerte, sich von ihr scheiden zu lassen.
Beim Rundgang durch das Dorf wurde festgestellt, dass die meisten Häuser der jüdischen Bürger mittlerweile durch Neubauten ersetzt sind. In Kleineibstadt ist aber noch die ehemalige Synagoge erhalten, die 1828 eingeweiht wurde. Sie wurde, nachdem 1937 die jüdische Gemeinde Kleineibstadt aufgelöst worden war, für 715 Mark verkauft. Die ehemalige Synagoge diente nach dem Krieg als Raiffeisenlager. In den sechziger Jahren wurde das Gebäude an einen Privatmann weiterverkauft, der es als Lagerraum nutzt.
Beim Rundgang berichtete Franz Dörflein, dass er mit seiner Familie in einem Haus wohnt, das ehedem jüdischen Bürgern gehörte, und zwar der Familie Wolfrom, die vor dem Krieg nach Tel Aviv auswanderte und in Kleineibstadt eine Stoffhandlung betrieben hatte. Die Familie Dörflein/Reder erwarb das Anwesen 1952 von den Geschwistern Edgar und Irene Wolfrom. Vor einigen Jahren besuchten zwei Töchter von Irene Wolfrom-Biglayzer, die in Tel Aviv wohnen, Kleineibstadt und besichtigten noch einmal mit großer Freude ihr Elternhaus. Erst hier erfuhren sie durch ein von Franz Dörflein aufbewahrtes Schreiben, das Notar Kroder aus Königshofen 1952 erstellte, dass ihr Onkel Josef Michael Wolfrom zwischen 1933 und 1935 in Paris erschossen wurde. Zwischen den Töchtern und der Familie Dörflein entstanden freundschaftliche Kontakte.
Gesucht werden für diese Dokumentation über die Kleineibstädter Juden noch alte Schul- und Kindergartenfotos sowie Aufnahmen von Vereinsfesten usw. Wer solche Fotos besitzt, wird gebeten, sich mit Alfred Mauer in Kleineibstadt in Verbindung zu setzen.

Cordula Kappner, ehemalige Leiterin des Bibliothekszentrums Haßfurt, dokumentierte kürzlich, unterstützt von Kreisheimat- und Archivpfleger Reinhold Albert die Anwesen jüdischer Bürger in Kleineibstadt. Wertvolle Helfer waren ihr dabei der ehemalige 2. Bürgermeister Alfred Mauer und Franz Dörlfein (von links).
Fotos: Albert

Die ehemalige Synagoge von Kleineibstadt, die 1828 eingeweiht wurde, befindet sich in unseren Tagen in privaten Händen und wird als Abstellraum genutzt. Sie wurde, nachdem die jüdische Gemeinde 1937 aufgelöst worden war, verkauft.
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